Schulalltag
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Aus dem Schulalltag

Was würdest du tun, wenn keiner dir sagt was du jetzt tun sollst?

Was macht ein Kind in dieser Situation?

Maria Montessori und viele andere haben beobachtet, dass Kinder dann genau solche Aktivitäten auswählen, die sie in ihrer individuellen Entwicklung weiterbringen- aus Neugier, Faszination, aufgrund ihres menschlichen Entwicklungsbedürfnisses. In diesen Tätigkeiten verbirgt sich effektives und nachhaltiges Lernen, wenn die Kinder sich in einer geeigneten Umgebung mit ansprechenden Materialien und respektvollen Erwachsenen befinden.

Das ist nicht zu verwechseln mit einer Laissez-Faire-Pädagogik. Für ein entspanntes Miteinander brauchen Kinder auch klare Grenzen und Rahmenbedingungen. Die letztliche Verantwortung und Führung bleibt bei den Erwachsenen. Immer mit Blick auf die Kinder entwickeln sie Strukturen, Lernangebote und Materialien für eine gesunde und ganzheitliche Entwicklung.

Wie kreativ, anspruchsvoll und auf Weiterentwicklung zielend die Kinder unter solchen Bedingungen ihre Aktivitäten gestalten, können die folgenden kleinen Episoden aus dem Schulalltag veranschaulichen:

Experimente

"Boa, schau mal, schnell!", war nicht selten am Experimentiertisch zu hören, als wir dort Rotkohlsaft, Natron und Essig in kleinen Pipettenflaschen bereitstellten. Verschiedene Mischungen aus diesen 3 Substanzen ergaben faszinierende Farbspiele und nicht selten ein Blubbern und Schäumen. Durch Experimentieren nach dem Zufallsprinzip fanden nach und nach manche Kinder heraus : Natron und Essig zusammen schäumen (aber es geht nur einmal), Farbveränderungen haben eine Gesetzmäßigkeit;

Da ist der Schritt nicht mehr weit um zu verstehen, dass es Säuren und Basen gibt und diese durch Indikatoren festgestellt werden können und dass bei einer Mischung aus Natron und Essig Kohlensäure entsteht. Solches Wissen kann auf freudigen und sinnlichen Erfahrungen aufbauen, was erwiesenermaßen zu nachhaltigem und ganzheitlichem Lernen führt. Die Kinder wiederholten ihre Experimente über mehrere Wochen viele Male, obwohl das keiner von ihnen erwartete.

Verkaufsgespräche

L: „Wie viel kostet denn eine Kastanie?“

S: „60 Cent“

L: „Dann hätte ich gerne 6 davon!“

S: „Moment – das sind 3,60€“

L: „Hier sind 5 €!“

S: „Danke, da bekommen Sie 1,40€ zurück!“

L: „Vielen Dank! Auf Wiedersehen!“

Der siebenjährige Schüler, der noch kein Einmaleins gelernt hatte, erklärt seine Rechenstrategie für 6x60: Ich habe erst 6x50Cent genommen, das sind 3 € und dann nahm ich noch 6x10Cent dazu!“

Mit dem Verkaufsspiel haben die Kinder sich selbst ein breites Feld zur Schulung mathematischer Kompetenzen geschaffen. Auf eigenen Wegen entwickeln sie mathematisches Verständnis, das sie kreativ auch auf ungeübte Rechenarten anwenden können.

Im letzten Schuljahr sah das Spiel allerdings noch ganz anders aus: Damals konnte man 5€ für einen Gegenstand bezahlen, der 2€ kostete und man bekam 200€ zurück. Wenn man daraufhin überrascht feststellte: „ Jetzt habe ich aber ganz schön viel zurück bekommen!“, dann erhielt man die Antwort: „Na ja, in der Bank gibt es so viel Geld, dass man auch viel rausgeben kann!“

 

Mathe im Spiel

Mit dem Schweizer Roulette haben die Kinder sich ein eigenes Gewinnspiel ausgedacht, an dem sie ihre mathematischen Kompetenzen weiterentwickelten: Man bekommt so viel Geld wie man "erkreiselt".  75+13+9+3 muss beispielsweise errechnet werden, damit der Spieler seinen entsprechenden (Spiel-)Geldgewinn erhält.

Dieses Spiel zahlt sich aus und das nicht zuletzt für die Fähigkeit zur Addition und den Umgang mit Geld.

 

Sina lernt lesen und schreiben

Sina kommt neu in die Schule. Sie kann ihren Namen und auch die Namen ihrer Familie bereits schreiben. Auf Namensschildern entdeckt sie, dass NA auch in VaaNA oder JaNA vorkommt. Sie versucht Namen der Mitschüler über bekannte Buchstaben zu erschließen, ohne dass sie von einem Erwachsenen dazu angeregt wurde. In der Schreibecke sucht sie sich Wörter, die sie in ein selbstgebasteltes Büchlein einfach abschreibt. In dieses Büchlein schreibt sie auch alle Buchstaben, die sie schon kennt. Dann fragt sie mich: "Welche Buchstaben fehlen noch?". Eine solche Buchstabenliste fertigt sie in den nächsten Tagen immer wieder an. Bei einem Angebot, hat sie den ABC-Rap gelernt, den sie sich immer wieder wünscht. Sie scheint fasziniert und angezogen zu sein, von allem was mit Buchstaben und Wörter zu tun hat: Sie holt sich die Lesemaschine, liest die Wochentage und Monatsnamen am Kalender, liest Wörter im Wörterbuch,... An einem Tag kommt sie plötzlich lange nicht von der Toilette. Als ich sie darauf anspreche, erzählt sie mir die Scherzfrage, die dort an der Wand zu lesen ist. Jetzt kann sie Sätze lesen, ein paar Monate später schreibt sie ihre erste Geschichte.

Der Weg zum Lesen und Schreiben ist sehr individuell und vielschichtig. Bei vielen Kindern läuft er noch verborgener ab als bei Sina. Dann können sie es "plötzlich" wenn die Zeit dafür reif ist.

Soziales Lernen

Im Außengelände der Schule möchten die Kinder ein Lager haben. Da, wie „im großen Leben“ auch hier das Gelände begrenzt ist, sind Konflikte vorprogrammiert. Eine erste Lösung bietet eine gemeinsam besprochene Vereinbarung über die Verteilung der Lager und deren Festhalten durch einen Lagerplan.

Doch die „Lagersache“ bleibt dynamisch, denn nun werden Lager in immer wieder neuen Kombinationen zusammengelegt und wieder voneinander getrennt. Dies ist zumeist mit intensiven Diskussionen verbunden. Die Kinder vertreten einen Standpunkt, verhandeln und entwickeln verschiedenste Konfliktlösungen. Da gibt es beispielsweise eine „Lagerunion“, die von 5 Chefs bestimmt werden soll. „5 Chefs, das ist gut, denn das gibt beim Abstimmen immer eine Mehrheit!“, stellt dazu ein Kind fest.

Besonders im freien Spiel treffen immer wieder gegensätzliche Interessen aufeinander und führen zu Konflikten, an denen die Schüler ihre sozialen Kompetenzen einüben. Bei der wöchentlichen, verpflichtenden Versammlung werden Ärgernisse wie auch Wünsche und Regelungen mit der gesamten Gruppe besprochen und gegebenenfalls abgestimmt.

Stelzenbau

In der Schule gibt es eine Werkstatt und große Sägen auch für kleine Menschen. Hier wird gemessen, berechnet, gezeichnet, gesägt, gehämmert und geleimt. Ideen aus Bastelbüchern oder aus Kinderköpfen nehmen in Holzarbeiten Gestalt an. So entstanden auch mehrere Paare Stelzen für die Schule.

Mit den selbstgebauten Stelzen macht das Stelzenlaufenlernen doppelt Spaß. Dabei erleben die Kinder, wie sie durch hartnäckiges und selbstständiges Üben Fortschritte erreichen. Man beobachtet höchst konzentrierte und am Ende strahlende Gesichter. "Schau, ich kanns!". Die Lehrer in der Schule schauen zu und freuen sich mit. Sie brauchen die Kinder nicht zur Leistung ermuntern. Auch neue Herausforderungen suchen und finden die Kinder von sich aus: sie gehen rückwärts, den Berg hoch, zählen ihre Schritte, klemmen sich etwas unters Kinn, versuchen zu hüpfen, zu tanzen oder neben her zu singen.

 

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